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Blog Gedanken Weltreise

Gedanken vor dem Abflug, oder: Wie das Leben so spielt

15.05.2020

In meiner Beitragsplanung, die ich vor einigen Monaten für meinen Blog erstellt habe, steht für heute der Artikel „Gedanken vor dem Abflug“. Dies sollte der letzte Artikel sein, der vor der großen Reise online geht. Der letzte Freitag vor dem großen Ungewissen. Als ich mich daran gesetzt habe, die Beiträge der letzten Wochen zu planen, habe ich mir des öfteren ausgemalt, wie ich mich wohl heute fühlen werde, wenn ich diesen Artikel schreibe. Was in diesem Artikel wohl stehen wird.

Ich habe mit allem gerechnet, nur nicht mit dem, was ich tatsächlich schreiben werde.

Wir werden nicht in 5 Tagen fliegen, die Reise ist auf unbestimmte Zeit nach hinten verschoben.

Dass eine globale Pandemie dazwischen kommen würde, gerade dann, wenn ich nach Jahren der Planung meinen Traum leben will, hört sich eher nach einem schlechten Witz, als nach der Realität an. Aber so ist es nun mal, für irgendetwas wird es gut sein.

Was ich hier recht einfach in ein paar Sätzen runtergetippt habe, war im Prozess das Gegenteil davon, aber fangen wir vorne an.

Januar 2020

Im Nachtdienst der Silvesternacht war das erste, das ich nach dem obligatorischen „Frohes neues Jahr“ zu meinen Kollegen sagte: „Es ist soweit! Endlich kann ich sagen, dass es dieses Jahr losgeht!“

Ein bisschen mehr als 4 Monate und es ist endlich soweit. Die To-do’s auf meiner Liste wurden länger und länger, immer mehr Kleinigkeiten kamen dazu, die ich abhakte und mich so dem Traum immer näher fühlte. Ich habe mein Gewerbe angemeldet, eine neue Kamera gekauft, meine Auslandskrankenversicherung abgeschlossen und mir die letzten Impfungen abgeholt.

Manchmal musste ich mich tatsächlich kneifen, um zu verstehen, dass das die Realität war. Endlich konnten all die Dinge angegangen werden, für die es die letzten Monaten immer zu früh gewesen war. Ich war voller Energie und freute mich über jeden Behördengang und selbst über die nervigsten kleinen must-do-to-do’s.

Ende Januar, an meinem Geburtstag, war ich mir noch sehr sicher, dass das für längere Zeit der letzte Geburtstag sein wird, den ich in Deutschland verbringen würde. Das Virus gab es in China und ab und zu hat man etwas darüber in den Nachrichten gehört. Das hat mich aber weder als Weltreisende, noch als Krankenschwester sonderlich beunruhigt.

Thailand, wir sehen uns in 112 Tagen!

Februar 2020

Neuer Monat, neue To-do’s. Gerade im Februar war ich so froh, dass ich meine Listen in Monate eingeteilt habe, denn dort kam einiges zusammen. Ich versank vollkommen in meinen Vorbereitungen. Neben einem neuen Reisepass, brauchte ich Kreditkarten, eine Unterkunft und habe mich mit diversen Versicherungen rumgeschlagen. Alleine die online-Legitimation für die Kreditkarten und das Einrichten des jeweiligen Online-Bankings hat mich einen ganzen Nachmittag gekostet!

Quasi nebenbei ist mein Blog online gegangen, ich habe viel daran gebastelt und die ersten Artikel gingen online. Ein unbeschreibliches Gefühl! Ich war total auf Wolke sieben und so voller Vorfreude, wie selten zuvor. Ich kaufte mir ein Buch über Thailand um träumte mich an den Ort, den ich drei Monate später besuchen würde. Passiert das grade alles wirklich? Ich konnte es nicht fassen, dass es tatsächlich bald losgehen sollte.

Mitte Februar häuften sich dann die Schlagzeilen. Erste Fälle in Deutschland, Sperrgebiete in Italien, erste Todesopfer in Europa. Meine Reaktion darauf? Zum Glück sind wir nicht wie geplant mit der transsibirischen Eisenbahn gefahren. Nach China würde ich jetzt ungern reisen wollen.

Ende Februar hatte in ein Interview mit einer lokalen Zeitung, dort berichtete ich über unsere Reisepläne. Auch hier beschrieb ich, dass ich froh sei, nicht die Route über China genommen zu haben. Dass die Reise in Gänze nicht stattfinden wird, war zu dem Zeitpunkt noch nicht denkbar.

Thailand wartet in 84 Tagen!

März 2020

Auch als der Artikel Anfang März gedruckt wurde, war ich noch sehr optimistisch. Ja es gab Fälle, in Thailand, sowie in Deutschland. Reisen wollten wir trotzdem. „Ist doch auch nicht schlimmer als eine Grippe“ war mein Standardspruch. Der Tag an dem ich das erste Mal wirklich Panik bekam war der 07.03.2020.

„Moskau verhängt eine 14-tägige Zwangsquarantäne für alle Ausländer“ – Moment! Wir fliegen doch über Moskau! Nach einem Telefonat mit der Airline war ich wieder beruhigt, denn dort wurde mir gesagt, dass zum aktuellen Zeitpunkt transitreisende des Flughafens nicht davon betroffen wären. Trotzdem machten sich erste Zweifel breit. Gedanken wie „Warum können wir nicht jetzt schon fliegen, ich habe Angst, dass Moskau niemanden mehr rein lässt“, bissen sich in meinem Kopf fest.

Erste Stimmen wurden laut, die fragten, ob wir denn trotzdem fliegen würden. Ehm ja?!? Natürlich! Was für eine Frage.

Als erste Länder ihre Grenzen schlossen, war ich der festen Überzeugung, dass wenn es nur ein einziges Land gibt, in das wir reisen können, dann würden wir genau dort hin fliegen! Dann müsste man die Route halt ändern, wir hatten ja eh keine festen Pläne. Südamerika ist doch auch schön, oder?

Als Mitte März mein Papa heiratete und die Standesbeamtin sagte, dass diese Hochzeit die letzte in dieser Größe sein würde, war ich noch immer nicht im Hier und Jetzt angekommen. Total übertrieben, was soll das denn alles. Meine Reise wird stattfinden, Leute, wisst ihr eigentlich wie viele Menschen im Jahr an der Grippe sterben? Später an diesem Tag war klar, dass alle Schulen bis auf weiteres schließen würden.

Ups.

Vielleicht ist es doch schlimmer als gedacht?

Auch auf der Arbeit waren plötzlich Veränderungen zu spüren. Man sprach über das Virus, manche hatten Panik, manche fanden alles total übertrieben. Es war ein totales Durcheinander. Wo ich mich zu diesem Zeitpunkt einordnen sollte, wusste ich nicht so recht. Ich meine, bis Ende Mai sind es ja auch noch 2 Monate, in denen viel passieren kann. Ich klammerte mich an Schlagzeilen wie „Höhepunkt Ende März“ und hoffte, dass unsere Reise mit ein paar Einschränkungen trotzdem stattfinden wird.

Bereits ein paar Tage später überschlugen sich erneut die Ereignisse. 150 tausend Erkrankte in Deutschland, Italien vor dem Kollaps, weltweite Reisewarnung. Ja, jetzt hatte auch ich es verstanden. Es ist wohl doch nicht nur eine Grippe und die Reise wird wohl nicht wie geplant stattfinden können. Was das mit mir machte? Ich wurde wütend. Das ganze war so unfair! Wieso gerade jetzt, wo ich meinem Traum so nah war? Ich weinte, schrie und suchte Gründe, Schuldige und ließ mich fallen.

Thailand in meiner Wunschvorstellung in 55 Tagen?

April 2020

Ich war traurig. Es dauerte ein paar Tage, in denen ich einfach nur traurig war. Ich konnte es nicht ertragen, wenn mich jemand auf die Reise ansprach, der Blog erschien mir sinnlos und das Universum schien sich gegen mich gerichtet zu haben. Zum Glück musste ich auf der Arbeit funktionieren und siehe da, ich schaltete um vom Weltreise-Modus in den Krankenschwester-Modus. Ich verdrängte die Reise, das was ich verloren hatte und konzentrierte mich auf das, was wichtig war. Ich nahm meine Kündigung zurück, zog trotzdem um und gönnte mir eine 2-wöchige Pause von Instagram und Co.

Ich konnte und wollte mich nicht äußern, war nicht bereit für Fragen oder Konfrontation. Diese Zeit habe ich gebraucht, um meinen Weg wieder zu finden und meiner Positivität wieder Feuer unter dem Hintern zu machen. Sobald der erste Schritt in diese Richtung passiert war, folgten viele weitere. Auch der Austausch mit anderen Reisenden, die irgendwo fest saßen, brachte mich dort hin.

Denn in einem Land, dessen Sprache ich nicht sprach, in dem ich niemanden kannte, in einem kompletten Lockdown – da wollte ich beim besten Willen nicht sein. Dann lieber noch zuhause. Ich fing an, das Gute in dem Ganzen zu sehen und war sicher, für irgendetwas wird das Ganze gut sein.

Ich sah andere, denen es viel schlechter ging als mir und machte mir bewusst, was ich alles habe und wofür ich dankbar sein kann. Dafür, dass es meiner Familie und meinen Freunden gut geht, dass ich einen sicheren Job habe. Ich war dankbar dafür, dass ich mein Auto noch nicht verkauft hatte und dass ich mich mit etwas Vorlaufzeit darauf einstellen konnte, dass die Reise nicht stattfinden wird. Ich merkte, wie gut mir das Positive tat und erinnerte mich daran, dass ich die Situation sowieso nicht ändern kann. Nur wie ich damit umgehe.

Kein Thailand in 30 Tagen!

Heute

Wenn ich auf die letzten Monate zurückblicke, hätte es nicht mehr Veränderungen in meiner Denkweise geben können. Irgendwie hat mich mein Verhalten aber an etwas erinnert, das ich in der Ausbildung gelernt habe. Die 5 Phasen der Trauer nach Elisabeth Kübler-Ross: Leugnen, Zorn, Verhandeln, Depression und Akzeptanz.

Ich dachte, ich wäre einfach nur durcheinander gewesen und habe nicht gewusst, wie ich die Situation einzuschätzen hätte. Rückblickend kann ich aber sagen, dass meine Reaktion ganz normal war.

Ich habe getrauert. Um meinen Traum.

Auch wenn sich das jetzt ziemlich theatralisch anhört, ohne diesen Prozess könnte ich jetzt nicht das Gute sehen, könnte mich nicht darüber freuen, noch mehr Zeit mit meiner Familie zu haben. Könnte mich nicht darüber freuen, den Sommer noch in Deutschland zu erleben und nicht daran glauben, dass alles so kommt wie es soll.

Was sind schon 3, 6 oder 9 Monate, die wir die Reise nach hinten verschieben müssen, im Vergleich zu einer ganzen Lebenszeit. Nur ein Wimpernschlag. Irgendwann wird unsere Zeit kommen, denn den Traum der Weltreise werde ich nicht aufgeben. Und wenn es wieder möglich ist, sicher und frei zu reisen, werden wir das Ganze noch viel mehr zu schätzen wissen.

Thailand dann, wenn die Erde Luft geholt hat.

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